Wurst Case

Wurst Case – Alles hat ein Ende nur die Wurst hat zwei

Der Wurst Case ist die Nutzung eines Verwaltungsgebäudes einer ehemaligen Wurstwarenfabrik im Bremer Ortsteil Hemelingen. Das Projekt besitzt aufgrund der unklaren Zukunft des Areals keine feste Zukunftsperspektive und ist daher im Sinne einer Zwischennutzung mit kurzfristig kündbaren Mietverträgen ausgestattet und nutzt das 5 Etagengebäude auf Basis des Status Quo ohne das Investitionen getätigt werden dürfen, die über diesen Status hinausgehen. Im Gegenzug ist der Mietpreis für die Immobilie vergleichsweise niedrig.

Verwaltet wird es im Rahmen des Projekts ZZZ – ZwischenZeitZentrale Bremen durch die AAA GmbH, die als Hauptmieter gegenüber dem Eigentümer, der HT Verwaltungsgesellschaft Weser GmbH, auftritt und die vorhandenen Räumen umgehend kleinteilig weiter untervermietet.

Dies entspricht auch den Zielen des Projekts, die eine kleinteilige Nutzung für viele NutzerInnen zu erschwinglichen Preisen vorsieht, um NutzerInnen zu fördern, die sich für ihre Ideen und Projekte andernfalls keinen eigenen Raum leisten könnten.

Weiterhin war es ein großes Anliegen der ZZZ und seiner Träger, Projekte in Stadtteilen anzuschieben, die wie Hemelingen nicht im Zentrum Bremens liegen, sondern eher in der Peripherie und mit sozialen und ökonomischen Herausforderungen zu kämpfen haben.

Hemelingen liegt im Bremer Osten zwischen der Bahnstrecke Bremen-Hannover und der Weser und ist historisch mit der Ansiedlung von Industrie vor den Toren der Stadt entlang der Bahnlinie verbunden, ist aber bis heute der Stadtteil mit dem größten Anteil produzierenden Gewerbes in Bremen.

Der Ortsteil Hemelingen wird bis heute noch von industriellen Produktions- und Betriebsgebäuden geprägt, mit der Schließung des Abfüllbetriebs von Coca-Cola im Sommer 2017 und der Schließung der Produktion in der Könecke Wurstwarenfabrik 2012 sind allerdings die letzten noch produzierenden Betriebe erloschen. Die in diesem Bereich verlaufenden Hemelinger Bahnhofstraße ist durch den Verlust der Kaufkraft der ArbeitnehmerInnen der anliegenden Betriebe als Verkaufsstraße unter großen Druck geraten und in Teilen von Leerstände geprägt.

Die Bevölkerung des Stadtteils ist nach den Sozialindikatoren des Bremer Senats überdurchschnittlich von Armut und Arbeitslosigkeit betroffen und der Ortsteil damit Teil des Programms Soziale Stadt.

Projektgeschichte

Die Initiative, auf dem Areal der Wurstwarenfabrik Könecke im Rahmen der ZZZ aktiv zu werden, kam uns, als im Jahre 2012 bekannt wurde, dass die Produktion der Fabrik in Bremen geschlossen und an einen anderen Standort verlagert werden würde.

Zu diesem Zeitpunkt hatte die ZZZ mit dem Projekt Aller.Ort im Sommer 2011 schon feste Kontakt im Stadtteil geknüpft und war mit der Ausgangslage im Stadtteil vertraut. In Absprache mit der Lenkungsgruppe der ZZZ, die aus den die ZZZ finanzierenden Ressorts Wirtschaft, Finanzen und Bau und VertreterInnen der stadteigenen Gesellschaften für Wirtschaftsförderung und Immobilienverwaltung zusammengesetzt ist, versuchten wir daher, mit der Geschäftsführung, bzw. den zuständigen MitarbeiterInnen der Fleischwarenfabrik Kontakt aufzunehmen, um in Erfahrung zu bringen, ob es schon Ideen für die Nutzung der zukünftig leer stehenden Gebäude gäbe oder ob diese in irgendeiner Form genutzt werden könnten, bis es diese Ideen und Pläne gäbe.

Hier zeigte sich, dass der direkte Kontakt über die ZZZ an den Eigentümer nicht erfolgreich war. Stattdessen gelang es dann, über die Lenkungsgruppe der ZZZ die Wirtschaftsförderung Bremen als Vermittlerin zu gewinnen, die einen Kontakt zur Geschäftsführung herstellte, so dass es möglich wurde, überhaupt einen Blick auf das Gelände zu gewinnen und das Konzept von Zwischennutzung zu beschreiben und mögliche Projekte für die Nutzung des einen oder anderen Gebäudeteils zu skizzieren. Dies führte dann zur ersten Besichtigung der Fabrik im Mai 2014. Ab diesem Zeitpunkt gab es dann die ersten Gespräche mit möglichen NutzerInnen, im Rahmen des Projekts TUTUR (2013-2015) des Programms URBACT (Paris, Frankreich) der Europäischen Union wurde im Juni 2014 auch ein erster Workshop mit InteressentInnen und lokalen Akteuren aus dem Stadtteil organisiert, auf dem Ideen, Wünsche und Herausforderungen für eine Entwicklung auf dem Fabrikgelände eingesammelt wurden.

Auf diesem Workshop zeigten sich einige der Punkte, die auch für die weitere Projektgeschichte wichtig sein würden. Dies waren zum Einen die Frage der Lage von Hemelingen in der Stadt Bremen und die (gefühlte) Distanz zum Stadtzentrum und zum Anderen die Unterschiede zwischen den Wünschen und Erwartungen der lokalen AnwohnerInnen und Institutionen an das Projekt und der der potentiellen NutzerInnen, die in erster Linie nach innen gerichtet waren.

Mit diesen Erfahrungen und dieser Motivation im Rücken konnten auf Basis der Besichtigung der vorhandenen Bausubstanz, die vor allem ehemaligen Produktions- und Lagerflächen umfasst, aber auch zwei frühere Verwaltungsgebäude, und der Wünsche und Erwartungen aus dem Workshop die ersten Konzepte für die Nutzung der Wurstfabrik entwickelt werden.

Der Gedanke an einen experimentellen Ort, der für möglichst viele unterschiedliche NutzerInnen und Nutzungsformen offen stehen sollte, begleitet diese Planungen von Anfang an. Die Idee eines Urbanen Labors setzte später auf diesen Ideen auf, die auch im Vorlauf der Planungen schon für viele Projekte charakteristisch waren, die von der ZZZ im Zeitraum seit 2009 betreut und begleitet wurden.

Parallel zu der Entwicklung einer Nutzungsidee und den Verhandlungen mit den EigentümerInnen der Wurstfabrik wurden kontinuierlich Gespräche mit den handelnden Akteuren im Quartier geführt und es wurde der Ortsbeirat als gewähltes Gremium der Stadtteilpolitik über den laufenden Stand der Entwicklung informiert. Diese lokalen AkteurInnen und Gremien sind aufgrund ihrer direkten Betroffenheit durch den Leerstand des Fabrikareals und den Verlust der Arbeitsplätze sehr interessiert an den Entwicklungen auf dem Areal.

Dabei existiert vielfach der Wunsch, dass eine komplementäre Nutzung zurückkehren könnte, allerdings hat sich vielfach auch die Erkenntnis durchgesetzt, dass neue Ideen für den speziellen Ort und den Stadtteil insgesamt benötigt werden. Als lokale AkteurInnen sehen sich diese zudem häufig nicht umfassend von den EigentümerInnen und der Stadtverwaltung und – politik informiert.

Einzug

Bis es dann zum Einzug kam, vergingen tatsächlich noch weitere 8 Monate. In diesen musste von Seiten der Eigentümer Rücksprache über die tatsächliche Vermietbarkeit, über die technischen Details und über die Konditionen gehalten werden, vor allem aber wurde erkennbar, dass es keine/n wirkliche/n AnsprechpartnerIn für die Immobilie gab.

So lief weiterhin der ganze Prozess über den Schreibtisch des Geschäftsführers und seiner Assistentin und blieb entsprechend häufig liegen, wenn aufgrund des Kernaufgaben der Geschäftsführung keine Kapazitäten frei blieben. Dieser Stellenwert von Zwischennutzung ist dabei nach unserer Erfahrung leider eher die Regel als die Ausnahme, langfristige Perspektiven, die sich aus der Zwischennutzung ergeben, werden kaum berücksichtigt, im Zweifelsfall sind es eher kurzfristige Vorteile, die sich als Argument anführen lassen. Um den Verlauf trotzdem zu beschleunigen, arbeiteten wir vor, bereiteten die Mietverträge vor, führten erste Besichtigungen im ehemaligen Verwaltungsgebäude durch und arbeiteten an einem Belegungskonzept des Gebäudes. So konnte schließlich erreicht werden, dass zum 1. April 2015 das Gebäude an uns als AAA GmbH als Hauptmieter übergeben und zum 1. Mai 2015 die ersten NutzerInnen einziehen durften.

Um diese NutzerInnen anzusprechen, hatten wir einige NutzerInnen, deren Interesse uns bekannt war, direkt angesprochen. Vor allem aber hatten wir alle InteressentInnen angeschrieben, die sich seit Beginn der ZZZ 2009 bei uns mit ihren Raumwünschen gemeldet hatten und von denen uns nicht bekannt war, dass sie mittlerweile andere Räume gefunden hatten. Um darüber hinaus die Verfügbarkeit von Räumen auch medial bekannt zu machen, hatten wir zu einer gemeinsamen Begehung eingeladen, zu der auch VertreterInnen der Bremer Lokalmedien (Presse und Fernsehen) eingeladen waren und in deren Verlauf auch die Nutzung offiziell durch die Senatsbaudirektorin der Freien Hansestadt Bremen, Frau Dr. Iris Reuther, eröffnet wurde. Diese Begehung wurde von uns gemeinsam mit einer Bremer Theatergruppe inszeniert.

Ziel der Inszenierung war es, die Begehung des Gebäudes zu einem Erlebnis zu machen und einen Eindruck von der ursprünglichen Nutzung zu transportieren. So begrüßten wir alle BesucherInnen in den Kitteln der ehemaligen Beschäftigten der Wurstfabrik und luden dazu ein, das Gebäude zu erkunden und eigene Ideen für die einzelnen Räume zu entwickeln.

In Kleingruppen eingeteilt gingen die BesucherInnen dann durch das Gebäude, wandelten durch die verlassenen Flure und Räume, in denen häufig noch die alten Möbel und viele Poster und Bilder aus der Wurstfabrik hingen, um sich schließlich in der ehemaligen Chefetage im vierten Obergeschoss wieder zu treffen. Hier konnten potentielle InteressentInnen an Räumen ihre Raumwünsche in aufgeklebten Grundrissen dokumentieren.

In dieser obersten Etage gab es zudem die Möglichkeit von einer Dachterrasse aus über das gesamte Fabrikareal zu blicken und die weiteren leerstehenden Flächen zu entdecken, die potentiell für andere Nutzungen zur Verfügung stehen könnten.

Urbanes Labor / Wurst Case

Für uns stellte die Nutzung der ehemaligen Verwaltung den ersten Schritt für die weitere (Zwischen)Nutzung des gesamten Areals der ehemaligen Wurstfabrik dar. Die Berichterstattung über das Projekt und die stete Werbung in den sozialen Netzwerken und auf der projekteigenen Homepage führten zu einer steten Nachfrage nach Räumen. So konnten die relativ kleinteiligen Räume innerhalb der Verwaltung komplett untervermietet werden, es gab darüber hinaus aber auch viele Nachfragen nach größeren Flächen, die für die Nutzung als Werkstatt, Lager oder auch für Veranstaltungen genutzt werden könnten.

Um auch diese Flächen in Nutzung zu bringen und das ganze Areal, das bisher ziemlich abgeschlossen war, zu öffnen, gab es daraufhin weitere Gespräche mit den EigentümerInnen und wurde das Konzept eines Urbanen Labors entwickelt, das in die Nachbarschaft integriert ist. Bausteine dieses Konzepts waren die kleinteilige Zurverfügungstellung von Räumen für Raumsuchende, d.h. die vorhandenen Räume werden im wesentlichen einzeln zur Verfügung gestellt und für NutzerInnen die bisher keine eigenen Räume nutzen konnten. Hier handelt es sich um KünstlerInnen, nebenberufliche ExistenzgründerInnen, soziale Initiativen, Kulturprojekte, hochqualifizierte WissenschaftlerInnen und viele mehr.

Die Ansiedlung von sozialen Einrichtungen und Initiativen, die in den Stadtteil wirken, z.b. ein Café und eine freie Fahrradselbsthilfewerkstatt für alle, sollen den Kontakt zwischen NutzerInnen des Gebäudes und der Nachbarschaft erleichtern. Ein gemeinnütziger Verein bietet Sprachkurse für geflüchtete Frauen und Männer an und wurde in der obersten Etage etabliert.

Schließlich sollen in den Hallen Nutzungen auch für Akteure aus dem Stadtteil stattfinden können, z.B. Kulturformate (Theater oder Konzerte) oder auch Flohmärkte und vergleichbare Formate. Für dieses Konzept bekamen wir den 2. Preis des Deutschen Städtebaupreises in der Sonderkategorie. Von diesen Zielen für ein Urbanes Labor ist momentan im wesentlichen die kleinteilige Vermietung von Räumen erfolgt, teilweise konnten Projekte umgesetzt werden, die auch in den Stadtteil wirken. So gab es für ein Jahr eine Fahrradselbsthilfewerkstatt oder fanden regelmäßig Deutschkurse für Geflüchtete statt.

Jedes Jahr öffnen wir das Haus und zeigen was die Menschen dort unternehmen, bzw. an welche Ideen sie arbeiten und tüfteln. Eine Nutzung weiterer Flächen auf dem Fabrikareal konnte bislang noch nicht erreicht werden. Die Gründe hier liegen insbesondere auf der Vermieterseite. Viele passende Anfragen, bzw. eine Nutzung der ehemaligen Lager- und Produktionshallen insgesamt, wurden abgelehnt, da die Sicherungs- und Haftungsfragen zu aufwendig erschienen oder schlichtweg die Kapazität und das Interesse fehlte, sich mit diesen Anfragen auseinanderzusetzen.

Allerdings ist dies immer eine Momentaufnahme, da die langfristige Entwicklung des Areals momentan ruht und so auch kurzfristigen Ideen immer wieder Türen offen stehen können. Dabei ist zu beachten, dass das komplette Areal mittlerweile den Besitzer gewechselt hat und jetzt von einer Entwicklungsgesellschaft verwaltet wird, die sich aus den EigentümerInnen der ehemaligen Wurstfabrik und einer klassischen Entwicklungsgesellschaft zusammensetzt, die das Areal selbst entwickeln will.

Weiterhin hat die Freie Hansestadt Bremen im Jahr 2017 einen Rahmenplan für das Quartier rund um die Wurstfabrik entwickeln lassen, das die Ziele für die Entwicklung des Areals aus Sicht der Stadt und des Ortsteils umfasst. In diesen Plan flossen in nicht geringem Umfang auch die Erfahrungen, die im Rahmen des Projekts Wurst Case gemacht wurden.

Da es zwischen den Zielen der Stadt und denen der Entwicklungsgesellschaft Konflikte gibt, ist eine schnelle Entwicklung des Areals momentan nicht vorstellbar, so dass unsere Aktivitäten auf dem Areal eine weitere Zukunft haben und sich auf weitere Gebäudeteile ausdehnen können.